Schmerzdiagnostik

Ich (Joachim Wagner, Zahnarzt) betreibe neben dieser Homepage eine Internet Seite „Zahnfilm.de„. Dort geht es um die Diagnose und Behandlung von starken bis stärksten „Zahnschmerzen“. Davon betroffen sind ungefähr 3 % der Bevölkerung. Das hört sich zunächst mal nach wenig an, bedeutet aber, dass eine durchschnittliche Zahnarztpraxis mit 4.000 Patiententerminen pro Jahr 120 dieser Patienten vorgestellt bekommt. An jedem zweiten Werktag ist einer dabei.

 

VAS – Visuelle Analog Skala für die Schmerzstärke

Der Schmerz äußert sich typischerweise am völlig gesunden oberen 6-er. Schmerzstärken von 5 bis 8 auf der Skala 0 bis 10 sind keine Seltenheit. Merkwürdigerweise können die Patienten trotzdem schlafen und werden vom Schmerz nicht wach. Röntgenbilder der Zähne ergeben praktisch nie einen eindeutigen Befund. Auffällig ist auch die Schmerzbeschreibung der Patienten, die häufig unter Schmerzen am Zahnfleisch zwischen dem 6-er und dem 5-er klagen. Schaut man sich das Zahnfleisch aufmerksam an, sieht man, dass das in der Regel genau so aussieht, wie das Zahnfleisch an allen anderen Stellen, also unauffällig. Dazu kommt oft eine starke Überempfindlichkeit auf Kälte an vielen Zähnen um den „schmerzenden“ Zahn herum.

 

Leider will die real existierende Zahnmedizin an den Universitäten bis heute nichts von dieser Krankheit wissen. Weder interessiert sie der dafür schon lange existierende Name, die sogenannte Neuropathie des Trigeminus, noch dass man inzwischen Tausende von Studien an Mensch und Tier darüber erarbeitet hat. Wer also glaubt, dass ich (Joachim Wagner, Zahnarzt) mir diese Krankheit aus den Fingern gesaugt habe: Geben Sie einfach in Google scholar den Suchbegriff „neuropathic orofacial pain“ ein, dann zeigt Google aktuell etwa 17.000 internationale Studien und Schriftstücke zum Thema chronische Schmerzen im Mund und Gesicht an.

Der Arzt, der eine Krankheit nicht kennt, wird sie auch nicht finden. Keiner meiner mir bekannten Kollegen haben je von dieser Erkrankung gehört oder gelesen, darunter auch etliche Universitätskollegen. Das ist sehr schade, weil die technischen Diagnosemethoden wie Kleinröntgenbilder, Magnetresonanztomografie, OPG oder Digitale Volumen Tomografie  die Ursachen der Schmerzen nicht abbilden können. Die Folge für die betroffenen Patienten sind, dass

  1. sie im besten Fall wegen Unklarheit der Situation vertröstet werden
  2. bei ihnen ganz häufig eine sogenannte CMD diagnostiziert wird. Die dann immer folgende Schienenbehandlung ist komplett für die Katz. Anschließend folgt eine nutzlose Physiotherapie, dann eine aberwitzige Psychotherapie.
  3. sie an eine Uniklinik zur „Abklärung“ überwiesen werden. Dort untersucht ein jung-dynamischer Zahnarzt Frischling den Patienten. Weil der aber von der Trigeminus Neuropathie keine Ahnung hat, greift auch dieser zu 1. oder 2.
  4. im schlechteren Fall der Erstbehandler meint, irgendwelche „Karies“ entdeckt zu haben. Das führt zum Bohren und Füllen, woraufhin der Patient am nächsten Tag mit stark verschlimmerten Schmerz wieder aufläuft. Nach erfolglosen Versuchen mit Beruhigungslack glaubt dann der Zahnarzt, hier müsse eine Pulpitis vorliegen und beginnt die Wurzelbehandlung. Dann nimmt das Unheil seinen Lauf und alles wird immer schlimmer. Der Höhepunkt dieser „Behandlung“ ist oft die WSR und endet  praktisch immer mit der  Extraktion des Zahns. Damit ist die Geschichte leider nicht zu Ende, denn anschließend schmerzt die Alveole (das Knochenfach) für 6 Wochen höllenmäßig. Ist das überstanden geht der Phantomschmerz über auf den nächsten Zahn, in diesem Falle den 5-er.

Fazit.  Aus dem Patienten mit einer Zahnmigräne (der Begriff stammt vom israelischen Schmerzforscher Dr. Benoliel), die in 6 Wochen von alleine abgeklungen wäre, hat die heute existierende Zahnmedizin einen chronisch schmerzkranken Menschen gemacht, der oft am Rande der Verzweiflung lebt. Ich habe inzwischen hunderte dieser Patienten gesehen und die Härtefälle vegetieren, anders kann man das nicht nennen, mit dem Kopf gegen die Wand von Tag zu Tag vor sich hin. Und finden in den meisten Fällen keine kompetente Hilfe.

Der Trigeminus Nerv und sein Ursprung im Hirnstamm

In Deutschland sind nicht weniger als 1 Million Menschen betroffen. Die meisten finden, nachdem sie in der Zahnmedizin „austherapiert“ wurden,  (das Wort hasse ich wie die Pest, wenn sie wenigstens sagen würden: wir haben keine Ahnung, was hier vor sich geht) irgendwann den Weg zum Neurologen, der ihnen mit einschlägigen Trigeminus Medikamenten wenigstens Linderung verschaffen kann. Wenn er auf Zack ist.

Zeit zum Handeln.  Zum Glück gibt es Hilfe für die Betroffenen. Die Behandlung besteht vorwiegend in der sorgfältigen Auswahl ganz bestimmter Antiepileptika und Antidepressiva. Wir wissen heute, dass die Umschaltstellen des Nervus Trigeminus im Stammhirn die Signale falsch, nämlich zu stark, weiterverarbeiten. Das kann im Tierversuch mit einem operativ beschädigten Trigeminusast gut dargestellt werden. Und für diesen Zustand ist die Zahnmedizin die falsche Sparte.

Trotzdem muss heute gefordert werden, dass jeder angehende Zahnmediziner diese Art Schmerz gründlich kennenlernt. Sowohl theoretisch, als auch praktisch. Und die nötige Portion Neurologie mit dazu. Auch das Studium der aktuell effizientesten Medikamente wäre anzuraten.